20.September 2026
Ich bin schon ziemlich oft abgebogen.
Wenn ich auf meinen bisherigen beruflichen Weg schaue, bin ich eigentlich ziehmlich oft abgebogen. Nur habe ich das damals gar nicht so wahrgenommen.
Ich bin direkt nach meinen Schulabschluss bei meinem heutigen Arbeitgeber gestartet - mit einer dualen Ausbildung aus Lehre und Studium. Die Lehre war technisch. Und ich war ziemlich oft das einzige Mädchen.
Blaue Latzhose, lange blonde Locken und eine Dauerwelle. Ja, wirklich. Es waren die 90er. Wir wussten es damals nicht besser. Ich war also optisch vielleicht nicht unbedingt das, was man sich unter einer klassischen technischen Ausbildung vorgestellt hat. Gestört hat mich das überhaupt nicht.
Im Gegenteil.
Ich war schon in Klassen mit sehr hohen Mädchenanteil. Ganz ehrlich: Laute Jungs sind mir defentiv lieber. Auch im Studium waren Frauen eher die Ausnahme. Für mich war das völlig normal.
Man muss nicht alles wissen
Nach meinem Studium ging es in die Entwicklung und meine Gruppe war für einen großen Teil des Fahrzeuges verantwortlich. Ich hatte dort einen Senior Ingenieur, der mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Das war für mich ziemlich prägend. Denn dort habe ich eine Sache gelernt, die mich bis heute begleitet:
Man muss nicht alles wissen. Man muss nur eine Lösung finden.
Und wenn man selbst keine Ahnung hat, findet man eben jemanden, der Ahnung hat. Eigentlich ganz einfach.
Wir haben damals schon so gearbeitet, wie man es heute wahrscheinlich 'agil' nennen würde. Nur hieß es damals nicht agil. Wir haben einfach gemacht. Von der Designidee bis zur Industrialisierung im Werk. Ob das jetzt offiziell unsere Aufgabe war oder nicht, war manchmal eher eine philosophische Frage.
Ich durfte dadurch einen großen Teil des Fahrzeuges kennenlernen. Und ich fand das richtig gut.
Amerika
Dann ging es für ein paar Jahre nach Amerika. Mein Mann und ich waren dort und haben im
gleichen Projekt gearbeitet.
Amerika war eine tolle Erfahrung, aber auch ziemlich anstrengend. Alles auf Englisch, neue Prozesse, neue Kollegen,
neue Mentalität. Die Amerikaner wirken uns Deutschen auf den ersten Blick gar nicht so unähnlich.
Bis man anfängt, zusammenzuarbeiten.
Allein das Thema 'Nein' ist schon spannend.
Nein heißt auf deutsch Nein. Die amerikanische Variante von Nein klingt eher wie: Ja, aber vielleicht sollten wir noch einmal darüber sprechen, ob wir nicht .... In einer Telefonkonferenz hört die deutsche Seite nach den ersten zwei Worten nicht mehr zu und geht nach vermeintlichen Konsens zum nächsten Thema. Der Amerikaner wiederum beschwert sich, weil er doch genau dargelegt habe, dass es nicht geht...
Es gab auch Situationen, die ich heute noch lustig finde. Ein Kollege sagte zum Beispiel im Beisein meines Mannes zu mir, dass er mir jetzt einen "Loveletter" schicken würde. Wissendes Grinsen des Kollegen an meinen Mann und Lachen des ganzen Büros inklusive. Aber auch ich musste einstecken, wenn mein Mann bemitleidet wurde - in meinen Beisein: Oh man, your wife next to you all day?!? That sucks!
Ich habe dort tatsächlich auch Deutschland wieder mehr zu schätzen gelernt. Zum Beispiel unser Sozialsystem. Wenn man einmal erlebt, wie unterschiedlich ein System damit umgeht, wenn es bei jemanden blöd läuft, sieht man viele Dinge zu Hause anders.
Und dass es jeden treffen kann, ist gerade in unserer Branche keine besonders theoretische Erkenntnis mehr.
Irgendwann war auch diese Zeit wieder vorbei... Und mein Plan
ging nicht auf: mein Rückkehrbahnhof hat zu diesen Zeitpunkt gerade einige hundert Mitarbeiter
abgebaut und meine Heimatabteilung gab es nicht mehr.
Ich musste leider Feststellen: